In den Wechseljahren steigt die Lust

Im Alter geht nichts mehr im Bett? Weit gefehlt! Viele Frauen werden in den Wechseljahren erst richtig aktiv, sagt die Hamburger Sexualtherapeutin Susanna-Sitari Rescio. Im Interview erklärt sie, warum.

Sexualtherapeut

Was sind die häufigsten Probleme, mit denen Paare ab 50 zu Ihnen kommen?

Das größte Problem ist eine allgemeine Unzufriedenheit mit der gelebten Sexualität. Der eine Partner hat häufig weniger Lust als der andere. Aber auch Erektionsstörungen beim Mann oder Schmerzen bei der Frau sind häufige Gründe für eine Sexualberatung. In längeren Beziehungen haben die Menschen generell weniger Lust auf Sex. Die Länge der Beziehung beeinflusst das Begehren.

Man meint ja immer, im Alter passiert im Bett nicht mehr so viel. Stimmt das?

Ich kann das nicht bestätigen. Ich habe ganz junge Patienten und ältere, von 18 bis über 75. Ich hatte auch schon junge Patienten, die lange – oder noch gar –  keinen Sex hatten. Das ist kein altersspezifisches Thema. Sexualität gehört zum gesamten Leben des Menschen dazu. 

 Welche Bedürfnisse und Wünsche haben Ältere beim Sex?

Ich würde da keinen Unterschied zwischen Jung und Alt machen. Die Wünsche sind sehr ähnlich. Alle möchten zufriedener, entspannter sein und Hemmungen überwinden. Viele Männer haben schon recht jung Erektionsprobleme und/oder kommen zu früh – das ist keine Frage des Alters. Frauen leiden unabhängig vom Alter darunter, keinen Orgasmus beim Sex zu erleben.

Bedeutet kein Sex automatisch eine schlechte Beziehung?

Nein, das würde ich nicht sagen. Es gibt auch glückliche Beziehungen, in denen der Sex nur eine untergeordnete Rolle spielt. Man darf unter Sexualität aber auch nicht nur Geschlechtsverkehr verstehen. Da gibt es alternative Varianten, wie zum Beispiel Oralsex, Petting oder sinnliches Berühren. Wenn ein Mann Erektionsstörungen hat, heißt das nicht, dass er keinen Sex mehr haben kann.

Wenn Frauen in die Wechseljahre kommen, sinkt auch die sexuelle Begierde, heißt es immer. Können Sie das bestätigen?

Nein, es ist ein Märchen, dass Frauen in den Wechseljahren keine Lust auf Sex haben. Das Gegenteil kommt häufig vor. Frauen, die behaupten, in den Wechseljahren keine Lust auf Sex zu haben, frage ich oft nach dem Sex davor: Die Antwort ist meist, dass sie auch vor den Wechseljahren nicht wirklich Lust auf Sex hatten. Die Wechseljahre werden dann manchmal als Rechtfertigung für Lustlosigkeit benutzt. Die erhöhte Lust hat viele Gründe. Einer ist das Wegfallen der Angst vor der Schwangerschaft – das blockiert viele Frauen. 

Kommen auch ältere homosexuelle Paare zu Ihnen? Haben die ähnliche Probleme wie heterosexuelle Paare?

Ja, die haben die gleichen Probleme. Mangelnde Lust, unterschiedliche Vorstellungen von Sexualität, unterschiedliche Neigungen. Da habe ich zu Hetero-Paaren noch keine Differenzen erlebt.

Woran scheitern langjährige Beziehungen am häufigsten?

Das liegt meistens an den extremen Erwartungen an die Partnerschaft und die Sexualität. Früher waren Beziehungen etwas anderes als heute. Sexualität im heutigen Sinne ist eigentlich etwas ganz Neues. Die Bedeutung dessen ist seit der sexuellen Revolution in den 1960er Jahren enorm gestiegen. Davor mussten Menschen zusammenbleiben, man konnte sich nicht trennen. Da ging es hauptsächlich um materielle Sicherheit und Fortpflanzung. Ob man dabei Spaß hat oder nicht, hat niemand gefragt. Dadurch, dass heute alles möglich und erlaubt ist, sind wir schneller enttäuscht, wenn es mal nicht optimal läuft. Heute wollen wir bis 80 Jahre mit dem gleichen Partner glücklich sein und mit ihm auch guten Sex haben. Das ist ein hoher Anspruch! (lacht)

Wenn Beziehungen diesen Anspruch nicht erfüllen, kann man eine Therapie machen. Wie genau helfen Sie als Sexualtherapeutin solchen Menschen?

Ich kann nur Prozesse durch Gespräche einleiten. Ich biete einen geschützten Raum, in dem man frei über Sex reden kann. Viele Menschen machen das dann zum ersten Mal, weil sie vorher das Thema verschwiegen haben oder es nur oberflächlich besprochen haben. Das Gespräch kann helfen, um bestimmte Ursachen aufzudecken. Darüber hinaus gibt es bei mir aber auch Hausaufgaben (lacht). Das sind verschiedene Übungen, die zu Hause erledigt werden. Dazu gehören zum Beispiel Atmungsübungen, Variationen in der Selbstbefriedigung sowie neue Berührungsarten beim Sex.

Sind ältere Paare einer Therapie eher aufgeschlossen als jüngere Paare, weil sie schon so lange zusammen sind?

Meine Patienten sind generell schon ziemlich aufgeschlossen. Der Leidensdruck ist meistens sehr hoch. Zwischen Jungen und Alten gibt es kaum Unterschiede. Es ist für Ältere jedoch häufig schwieriger, ihr Verhalten zu ändern. Die dysfunktionalen Muster haben sich über die Jahre tief verwurzelt. Da braucht es generell viel Arbeit und eine starke Motivation, um eine Veränderung zu erzielen.

Muss es denn sofort eine Therapie sein? Kann sich das überhaupt lohnen?

Es ist kein Muss, aber ein Angebot. Wenn man eine langjährige Geschichte zusammen hat, finde ich es lohnenswert, einen Versuch zu machen. Genauso, wie wenn man mit Zahnschmerzen zum Zahnarzt geht, kann man bei Problemen in der Sexualität auch zum Sexualtherapeuten gehen.

Susanna-Sitari Rescio

Die gebürtige Italienerin Susanna-Sitari Rescio ist Autorin des Buchs: Sex und Achtsamkeit und arbeitet als Sexualtherapeutin beim SoHam Institut Hamburg.