Brief an mein zukünftiges Ich

Werde ich mal wie meine Eltern? Unser Autor Max hat sich dieser Frage gestellt. Hier lest ihr seinen offenen Brief an sein 50-jähriges Ich.

 Lieber 50-jähriger Max,

ich hoffe, du hast dir keine fünf Kinder angeschafft. Klar, als Kind war es echt cool mit vier Geschwistern. Immer Action zu Hause, ständig jemanden zum Quatschen oder Spielen. Doch für meine Eltern war es eine Herausforderung, deren Tragweite mir erst viel später bewusst geworden ist.

Mit meinen 27 Jahren kann ich konstatieren: Im Großen und Ganzen haben meine Eltern alles richtig gemacht. Dafür zolle ich ihnen meinen Respekt und meine Dankbarkeit.

Meine Eltern mussten auf einiges verzichten, um uns großzuziehen. Es klingt auf den ersten Blick egoistisch, nicht den gleichen Weg einschlagen zu wollen. Doch vielleicht hat gerade dieser Weg einige negativen Eigenschaften meiner Eltern mitgeprägt.

Meine Mutter musste mit uns fünf Kindern einiges aushalten. Bei nahezu jedem Essen schaffte es einer, seinen Becher umzuschmeißen und dessen Inhalt über den frisch gewischten Tisch zu verteilen. Da hieß es als Mutter: Emotionen kontrollieren und Geduld beweisen. Irgendwann werden es die Kinder schon lernen.

Doch das gelingt ihr mit fortlaufendem Alter immer schlechter. Inzwischen ist meine Mutter Meisterin darin, sich über Kleinigkeiten aufzuregen.

Diese Ansätze sehen andere leider auch schon bei mir. Auch ich nehme eine beunruhigende Entwicklung in diese Richtung wahr. Früher habe ich mich immer an die alte Poker-Weisheit gehalten: „Patience Pays“. Doch diese Einstellung bröckelt teilweise schon.

Eine andere negative Eigenschaft meiner Mutter: Immer Recht haben wollen und niemals Schuld zugeben. Ein kurzes Beispiel: Wieder geht es um umgeschmissene Becher. Bei einer gemeinsamen Autofahrt stellt meine Mutter einen heißen Kaffeebecher auf die Armlehne des Fahrers, während mein Vater, der Fahrer, ihr den Rücken zuwendet. Mein Vater wirft den Kaffee unbeabsichtigt um. Wer hat Schuld? Richtig, er. Wenn meine Mutter aber mal einen Becher umschmeißt, hat grundsätzlich derjenige Schuld, der diesen dort platziert hat. Diese Einstellung hat in den vergangenen Jahren teilweise schon absurde Züge angenommen.

Diese Absurdität ist inzwischen auch schon Teil meines Charakters geworden. Immer wieder ertappe ich mich, wie ich bei Diskussionen mit meiner Ansicht in eine Sackgasse laufe. Doch statt meinen Irrtum zuzugeben, verstricke ich mich in wüste Argumentationen. Im Nachhinein denke ich mir dann: „Hilfe, ich werde wie meine Mutter“.

Dass ich gewisse Eigenschaften oder Charakterzüge meiner Eltern übernommen habe, ist wohl völlig normal. Schließlich bin ich damit aufgewachsen. Doch wieso diese Tatsache eigentlich verteufeln? Meine Mutter hat mindestens genauso viele positive Eigenschaften. Sie ist witzig, immer hilfsbereit und ein gutmütiger Mensch. Doch es liegt wohl in unserer Natur, dass uns grundsätzlich erst einmal das Schlechte auffällt.

Also, mein 50-jähriges Ich: Dieser Brief ist keine Frustbewältigung, sondern vielmehr eine Art Selbsttherapie. Wenn du diesen Brief liest, wirst du höchstwahrscheinlich einige Eigenschaften unserer Eltern zu deinen gemacht haben. Das ist grundsätzlich nicht schlimm. Jedoch solltest du darauf achten, dass die positiven Charakterzüge überwiegen. Ich hoffe, ich konnte uns helfen!

Dein 27-jähriger Max